"Auf Dauer ist der Ehrliche nicht der Dumme"

Friedhelm Kernstock spricht in Rechtenbach

RECHTENBACH (eil). Jegliches Agieren in der Wirtschaft wirft die Frage nach ethischem Handeln auf - gleich, ob es um unternehmerische Entscheidungen oder Personalfragen geht. Mit der Frage, ob Ethik in der Wirtschaft als Chance oder als Handicap zu betrachten ist, beschäftigte sich der Vortrag von Friedhelm Kernstock im Software-House mbi in Rechtenbach.

Kernstock war von 1994 bis 2002 Mitglied der Geschäftsleitung einer Abteilung bei Mercedes-Benz in Stuttgart. Dann stieg er aus dieser Führungsposition aus, was durchaus auch mit dem Thema "Ethik in der Wirtschaft" zu tun hatte. Denn die Frage, die sich im Zusammenhang mit Ethik für jeden individuell stelle, sei die nach der "obersten Instanz". Die Antwort auf diese Frage - ist der jeweilige Chef die oberste Instanz, die Legalität, die Gesetze oder vielleicht Gott? - hat laut Kernstock erheblichen Einfluss auf die Werte und die Moral, die individuell und gesamtgesellschaftlich anerkannt und gelebt werden, mithin auf die "geistigen Strömungen" in einer Gesellschaft.

Solche geistigen Strömungen sind zum einen der Rationalismus, der laut Kernstock keine "letzte Wahrheit" kennt und deshalb in seinen Augen eine "problematische Ideologie" ist. Zum zweiten der Pluralismus, in dem jedermann seine eigene Wahrheit und Ethik definiere, wodurch letztlich die Freiheit gefährdet sei. Und schließlich die geistige Strömung namens Individualismus, der die Selbstverwirklichung und die "persönliche Wellness" favorisiere, letztlich die eigene Person als Maßstab setze und damit als solidaritätsfeindlich eingestuft werden müsse.

Alle diese Strömungen sind dem Zeitgeist angepasst und bestimmen das Bild unserer Gesellschaft mit, weshalb Ethik heute auch nicht mehr ein "Fels in der Brandung" sei.

Kernstock zitierte fragend einen römischen Philosphen: "Was nutzen Gesetze ohne Moral" , sprich ohne Ethik. Ethik, die in der modernen Welt nur noch als "situative Ethik" Geltung erlange und sozusagen Ergebnis von Angebot und Nachfrage in Sachen Moral und Werten sei.

Der weit verbreitete Individualismus führe zu einer "Patchwork-Ethik" ohne klares Bild und ohne verbindliche Grundlage. Diesen herrschenden Zustand habe der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel einmal treffend als "Koalition der Ratlosen" bezeichnet. Dies aber stelle letztlich die Grundpfeiler von Staat und Wirtschaft in Frage. Kernstock: "Nicht ohne Grund geben sich viele Unternehmen inzwischen Ethik-Standards , an die sich jeder Mitarbeiter halten soll. Dies ist allerdings oft nur äußerlich und aufgesetzt. "

Den "Patchwork-Ethiken" gegensteuern, mit Werten führen, ethisch bedingte Erfolgsfaktoren auf der menschlichen Beziehungsebene schaffen und Stressbelastungen abbauen, funktioniere nur auf der Basis des Vertrauens, so wie es der Unternehmer Robert Bosch verstanden habe: "Lieber Geld verlieren als Vertrauen." Vertrauen erwerbe man sich durch Glaubwürdigkeit - "Glaubwürdigkeit ist der letzte unbegrenzte Wachstumsmarkt".

Glaubwürdigkeit erlaube unbelastete Beziehungen, schaffe eine solide Basis und führe zu einer "positiven Justierung des inneren Bewertungssystems". Auf die Dauer lohnt sich "ethisch vorbildliches Verhalten", ist sich Friedhelm Kernstock sicher, wenn solches Verhalten auch nicht zum Nulltarif zu haben sei. Aber: "Auf die Dauer ist der Ehrliche nicht der Dumme."

Für Friedhelm Kernstock - wie übrigens auch für Albert Einstein - ist Gott als Schöpfer der Welt oberste ethische Instanz. Leider gehöre das Reden über den Glauben zu den letzten Tabu-Themen unserer Zeit und Gesellschaft. Er wolle sich deshalb fröhlich als Tabubrecher betätigen. Er, Kernstock, bekenne sich ausdrücklich zur Verantwortungsethik gegenüber den Aufgaben im Leben und gegenüber Gott.

Softwarehaus-Chef Martin Bork stellte sein 1993 gegründetes Haus vor, in dem derzeit 19 Mitarbeiter beschäftigt sind, davon zwei Auszubildende. mbi beackert drei Arbeitsschwerpunkte: Individuelle Software-Entwicklung, IT-Beratung und Standardsoftware. Dabei arbeitet die in der Weidenhäuser Straße angesiedelte Firma auch mit Bundesbehörden und namhaften Konzernen zusammen.