Ethik als Geschäftsgrundlage in der Wirtschaft

Ex-Daimler-Manager Friedhelm Kernstock sprach zur Feier des 10-jährigen Bestehens der Hüttenberger MBI GmbH

STAUFENBERG/HÜTTENBERG

(fw). Die Hüttenberger mbi GmbH, die Softwarelösungen produziert, ist ein kleiner Fisch im großen Teich der hiesigen IT-Branche. Gleichwohl einer, der nach der jüngsten Branchen-Bruchlandung weder aufgefressen, noch von der Insolvenzwelle ertränkt wurde. Schließlich verkörpert mbi das Fischlein, das stets gegen den Strom anschwimmt. Statt Glaspaläste zu bauen, an die Börse zu gehen und schließlich alles den Bach hinunterfließen zu lassen, setzte Firmenchef Martin Bork auf überaus moderates Wachsturm: "Wer langsam geht, geht sicher. Und wer sicher geht, geht weit", sagte Bork gestern beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen auf Burg Staufenberg.

Ein Spruch, den der IT-Experte von einem Afrikaforscher aus dem 19. Jahrhundert gelernt hat. Und ein Erfolgsrezept, das prima zum mbi-Motto passt: "Wir wollen unsere Kunden begeistern - nicht nur das Erwartete leisten, sondern immer wieder durch unsere Leistungen positiv überraschen." Begeistert waren gestern vor allem rund 80 treue Kunden, die zur Feier des Tages in das Staufenberger Burggemäuer gekommen waren. Dort überzeugten das Junge Wetzlarer Streichtrio musikalisch, der Küchenchef des Burgrestaurants kulinarisch und allerlei IT-Experten fachlich.

Über die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Hochschulen wurde diskutiert, die Erfolgsfaktoren für das Management von Softwareprojekten wurden zusammengefasst, auch über erfolgreiche IT-Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit folgten Fachvorträge.

Der Höhepunkt des Jubiläumstags sollte freilich der Vortrag des Ex-Daimler-Managers Friedhelm Kernstock bleiben, der über die "Ethik in der Wirtschaft" sprach. Die Antwort auf die Eingangsfrage nach deren Stellenwert - ob jene ethische Ausrichtung nun "Sahnehäubchen oder Geschäftsgrundlage" sei - hatte mbi-Chef Bork schon in der Begrüßungsrede vorweggenommen, als er sein Unternehmen als eines mit "ethischen Grundwerten als Geschäftsgrundlage" beschrieb.

Ethik und Wirtschaft also, wie passt das zusammen? "Wirtschaft ohne Ethik endet im Desaster", urteilte Friedhelm Kernstock. Das sehe man an den wahnsinnigen Abfindungen für altgediente Manager, das merke man gleichermaßen im Manager-Alltag, wenn plötzlich die Familie auf der Strecke bleibt. Kernstock selbst, bis vor zwei Jahren noch Logistik-Chef für ganz Europa, musste irgendwann die Reißleine ziehen. Bei 120 Flügen im Jahr blieb ihm keine Zeit mehr für die Familie, erst Recht nicht zum Klavierspielen und auch nicht, um in Staufenberg über Ethik in der Wirtschaft zu sprechen. Der Manager stieg aus, als er gerade zum Chef-Logistiker für Osteuropa und Asien befördert werden sollte - zu sehr hatte ihn der schwäbische Autokonzern in Beschlag genommen.

Friedhelm Kernstock kennt sich aus mit "Schönwetter-Kapitänen", jenen Vorstandsleuten, die Preise für ethisches Denken vergeben, um in Zeiten des ökonomischen Sonnenscheins in aller Öffentlichkeit zu glänzen. Doch er hängt die Messlatte für Ethik im Betrieb viel höher, er koppelt den Begriff an Vertrauen: "Vertrauen ist die Voraussetzung für das Funktionieren des Wirtschaftssystems." Vertrauen der Mitarbeiter in die Geschäftsführung und umgekehrt sei der zentrale Faktor, um Ethik zur Geschäftsgrundlage zu machen. Im Übrigen sei dies durchaus effizient, erklärte Kernstock: "Wer ehrlich ist, kann sich ein schlechtes Gedächtnis leisten - und das ist äußerst nervenschonend, nicht wahr?"

Ethik als Geschäftsgrundlage bei mbi klappt das ganz gut. "Wir sind uns bewusst, dass wir manche Aufträge bekommen haben, die normalerweise an Unternehmen mit anderer Größe gehen. Wir sehen das als besonderen Vertrauensbeweis", sagte Martin Bork. Er selbst bezieht den Glauben an Gott, seine christliche Verwurzelung in die Geschäftsführung ein - ungewöhnlich für ein Wirtschaftsunternehmen. Ungewöhnlich erst recht, wenn sich die Firma gleichzeitig Unternehmensberatung und Software-Schmiede nennt. Doch seit zehn Jahren geht dieses Konzept auf - und zehn Jahre, kann man behaupten, sind in der IT -Branche eine kleine Ewigkeit.

Geschäftsführung und Mitarbeiter der MBI GmbH feierten auf Burg Staufenberg das zehnjährige Bestehen. Bild: Willershausen

Gießener Anzeiger, 03.06.2004